Psychische Systeme

Elemente und Struktur

    Psychische Systeme arbeiten auf der Ebene des Bewußtseins. Dieses darf man sich aber nicht als ein Ding vorstellen, sondern der Begriff des Bewußtseins wird rein analytisch eingeführt. Die Trennung zum Nervensystem ist einfach deswegen nötig, weil sich keine Person als Ansammlung von Nervenzellen empfindet, sondern nur weiß, daß sie da ist, und für sich den Mittelpunkt der Welt darstellt. Man kann ohne das Wissen über Neurophysiologie oder Psychophysik durchaus eine Theorie der Selbstreferenz aufbauen indem man einfach das Bewußtsein so beschreibt. Daß das funktioniert, hat Husserl eindrucksvoll dargelegt. Er selbst nennt seine Theorie nicht selbstreferentiell, sondern geht einfach von sich als Bewußtsein aus und betreibt aus dieser Sicht Erkenntnistheorie: das direkte Erleben seiner Umgebung, seines Körpers und anderer `Leiber'. Diesen schreibt dann das Bewußtsein wiederum Bewußtsein zu, welches aber kein Faktum ist, sondern sich mehr oder weniger herausschält. Auf das andere Bewußtsein wird nur geschlossen weil das erstere auch eines hat. Generell geht der Schluß auf irgendwelche Gegebenheiten in der Umwelt immer von dem wahrnehmenden Bewußtsein aus. Husserl hat diese Theorie bereits am Anfang dieses Jahrhunderts entwickelt und erhielt nun durch das Nervensystem noch einen Unterbau. Natürlich ist dieses für Entstehung von Bewußtsein dringend nötig aber es ist nicht Teil des Bewußtseins. Wenn wir denken, passiert dies ohne das Wissen über unsere biologische Grundlage. Auch führt die Introspektion dazu, daß man sich im Kopf ein Zentrum vorstellt, welches das Bewußtsein darstellt. Neurophysiologisch gibt es aber kein Zentrum im Gehirn. Wissen und Verhalten sind überall repräsentiert. Es werden schlichtweg Korrelationen hergestellt und die teilweise über weite Distanzen. Die Erkenntnis, daß jeweils die Neurophysilogen und die `Psychologen' zu zwei verschiedenen Ergebnissen kommen, zeigt doch, daß es sich hier schlichtweg um zwei verschiedene Systeme handelt, die sich gegenseitig bedingen.

Die Elementareinheiten des Bewußtseins sind die sogenannten Vorstellungen. Das Bewußtsein gleitet so von Vorstellung zu Vorstellung und tut dies bis zum Tode des Organismus. Ob nun die Vorstellungen Sinneseindrücke oder Halluzinationen sind, ist hier völlig gleichgültig. Hier fließt die Tatsache ein, daß Bewußtsein durch das Nervensystem entsteht, welches nicht zwischen Signalen internen oder externen Ursprunges unterscheiden kann.

Da das Bewußtsein etwas Gedachtes ist und keine materielle Entsprechung hat, kann man die Relationen auch nicht direkt identifizieren. Klar ist aber, daß es sie gibt, da Denken und Handeln nicht planlos passiert, sondern aktuelle Vorstellungen nur bestimmte folgende Vorstellungen zulassen. Dies führt direkt zum Sinnbegriff des Bewußseins.

Sinn

    Das Gleiten von Vorstellung zu Vorstellung wird durch Sinn geregelt. Jede Vorstellung legt bestimmte Vorstellungen in der Zukunft nahe und lehnt andere ab: ,,das ist jetzt sinnlos``. Während jeder Vorstellung erscheint ein Sinnhorizont von Möglichkeiten, was nun passieren soll. So wird man wahrscheinlich ein Glas Sekt an den Mund ansetzen (evtl. vorher zuprosten) und den Inhalt dann trinken. Die Wahrscheinlichkeit daß man ihn statt dessen in einen zufällig vorhandenen Gulli kippt, ist ziemlich gering.

Wichtig ist immer, daß Anschlußfähigkeit gewährleistet ist. Jede Vorstellung sollte eine Reihe von Möglichkeiten bereithalten, was nun gedacht oder getan werden sollte. Dies sichert die kontinuierliche Autopoiesis des Systems. Sinn liefert hier also Redundanz. Man könnte diesen aber man könnte auch jenen Weg einschlagen, je nachdem welcher gerade verstellt ist. Andererseits gibt es Fälle, bei denen die Person zur Selektion gezwungen wird, also die Anzahl der Möglichkeiten reduzieren muß. Sinn ist deswegen niemals statisch, sondern wird laufend sich ändernden Umweltbedingungen angepaßt.

Sinn ist ein differenzloser Begriff, da selbst sinnlose Vorstellungen Sinn haben, sie haben einfach eine geringe Wahrscheinlichkeit der aktuellen Vorstellung zu folgen. `Echte' Sinnlosigkeit wäre einfach die absolute Beliebigkeit der Anschlußvorstellungen. Dann wäre aber eine Person gar nicht lebensfähig. Der Sinnhorizont stellt somit die Realität der Person dar. Wenn Vorstellungen im Sinnhorizont nicht da sind, dann sind sie für die jeweilige Person nicht existent.

Sinn spielt bei der Theorie des Bewußtseins eine entscheidende Rolle, da man nur über dieses Konstrukt Systemgrenzen finden kann, da die Struktur nicht materiell vorhanden ist. Die Sinngrenzen entstehen durch die Individualität des jeweiligen Bewußtseines. Jedes ist ein geschlossenes System und ist deswegen nur strukturell an die Umwelt gekoppelt. Die Systemzustände (hier: Vorstellungen) werden von der Umwelt nur angestoßen aber niemals determiniert. So entsteht in jeder Person ein ganz individueller Sinnzusammenhang, der auch nur in deren Bewußtsein `sinnvoll' ist. Vorstellungen können niemals den Kopf der Person verlassen sondern höchstens Sprache. Diese ist aber nicht identisch mit der Vorstellung, sondern befindet sich im Kommunikationssystem.

Sinn ist durch die Geschlossenheit des Systems aber nicht der Beliebigkeit ausgeliefert, sondern das System muß sich in der Umwelt durchaus bewähren. Die anschließenden Vorstellungen müssen der Kontingenz (Zufälligkeit) der Umgebung entgegenwirken. Jeder Zufall ist Bedrohung für das System, da die Umwelt eventuell Störungen erzeugen kann, für die es keinen Anschluß gibt, und genau das darf nicht passieren. Die Konsequenzen sind altbekannt: entweder die Person gleicht ihren Sinnhorizont so an, daß sie mit dem Zufall zurechtkommt (z.B. Schlagfertigkeit) oder sie eliminiert einfach den Zufall in der Umwelt (z.B. Macht). Auf jeden Fall bastelt sich das psychische System in Form von Sinn ein Modell der Umwelt, um diese Unwägbarkeiten zu beseitigen oder zumindest zu verringern. Für Luhman ist in diesem Zusammenhang der Begriff der Erwartung zentral. Sie orientiert sich an der Differenz `erfüllt' oder `nicht erfüllt'. Falls die Erwartung für das psychische System eine Bedeutung hat, dann wird aus der Erwartung ein Anspruch. Dieser wird nun nicht nur `erfüllt' oder eben nicht, sondern der kann enttäuscht werden. Während die Erwartung einfach nur eine Episode der Autopoiesis darstellt und nicht weiter relevant für diese ist, wird der Anspruch wieder in das System integriert, hat also entscheidende Konsequenzen für die weitere Autopoiesis. Falls die Erfüllung einer Erwartung entscheidend ist, dann wird dieser Prozeß als Gefühl bewußt. Generell kann man sagen, daß Gefühle innere Anpassungen an innere Problemlagen sind [LUHMANN 1994, S.364,].

System und Umwelt

Wie bereits im letzten Kapitel angerissen wurde, grenzt sich das psychische System (die Person) durch seine Sinngrenzen von anderen Personen ab. Das Nervensystem ist für das Bewußtsein auch bereits Umwelt. Der menschliche Körper ist es sowieso, weil der bereits für das Nervensystem Umwelt ist. Für das Nervensystem ist das Bewußtsein mit seinen Vorstellungen aber auch Umwelt, da das Nervensystem mit elektrischen Impulsen arbeitet, welche inkompatibel mit den Vorstellungen sind. Trotzdem ist das Nervensystem die Grundlage für das Bewußtsein. Diesen Sachverhalt nennt man Interpenetration.   Beide Systeme sind völlig gleichberechtigt. Es gibt keine Hierarchie, sondern sie befinden sich auf gleicher Ebene.

Subjektivität / Realität

Durch die Geschlossenheit des Nervensystems hat das Bewußtsein selbst auch keine Chance, die Welt so zu sehen, wie sie ist (wenn es denn eine gibt)gif. Dies sollte man aber als einen großen Vorteil sehen, weil so nur Störungen berücksichtigt werden und nicht mehr. Für das Überleben ist es optimal, nur diese Informationen auszuwerten. Das bedeutet aber auch, daß jede Person ihre Welt anders sieht, da sie sie nicht in sich abbildet, sondern die Umwelt nur als Anstoß für die eigene Modellbildung benutzt. Es wäre höchst unwahrscheinlich, daß jede Person die gleiche Realität in sich repräsentieren würde. Wahrscheinlicher ist es, daß zum Zusammenleben und Überleben nur ein kleiner Teil gemeinsame Realität existiert und daß der Rest der jeweiligen Person überlassen bleibt. Dies erlaubt ihr gerade dadurch maximale Flexibilität.

Entscheidend ist letztlich aber nur (und ungemein erleichterd für das tägliche Leben), daß wir alle die Illusion haben, daß alle anderen die Umwelt auch so sehen wie wir selbst.



Bernd Porr
Tue Jul 15 18:06:51 MET DST 1997