Massenkommunikation

System und Umwelt

Das System Massenkommunikation ist natürlich ein Subsystem im Kommunikationssystem. Die Elemente dieses Systems sind Kommunikationen, welche mit einem binären Code eingeschränkt werden: Alles was öffentlich ist, befindet sich in dem System, alles, was privat oder geheim ist außerhalb. Das Kommunikationsystem arbeitet dabei mit sehr flüchtigen Elementen, da sie nur so lange öffentlich sind, so lange eine breite Öffentlichkeit darüber redet und darüber berichtet wird. Die Grenzen des Systems verlagern sich durch diese Dynamik täglich. Das Tagesgespräch mag an dem einen Tag ein Umweltgipfel sein, am nächsten Tag ist es der Besuch eines Staatsgastes und dann eine Naturkatastrophe. Gerade die elektronischen `Medien' gif arbeiten mit sehr flüchtigen Elementen, die im Moment der Produktion schon wieder durch neue ersetzt werden müssen. Der Sinnhorizont der Massenkommunikation muß dann - unter dem Diktat der obigen Differenz - sofort wieder ein Anschlußelement liefern. Bei Zeitungen haben die Elemente immerhin die Lebensdauer von einem Tag.

Die Grenzziehung zwischen Umwelt und System kann nur über den Sinn des Systems geschehen, welcher sich am besten im Rahmen einer Selbstbeschreibung herauskristallisiert. Diese kann natürlich nie so komplex wie der Sinn sein, sondern ist immer eine Simplifizierung. So sind die täglich veröffentlichten Einschaltquoten in den Tageszeitungen oder im Videotext eine sehr krasse Reduktion des Systems auf eine paar trockene Zahlen.

Innerhalb des Systems Publizistik gibt es das Subsystem Journalismus [MARCINKOWSKI 1993, S.83,], welches die Rezipienten als Umwelt betrachtet. Diese sind natürlich im besten Sinne kontingent, denn sie drohen mit ihrer Autopoiesis immer mit dem Zufall. Diese gemeine Umwelt stellt hohe Anforderungen an den Sinnhorizont der Journalisten bzw. an deren Subsystem. So müssen sich darin Kommunikationen entwickeln, um dem Zufall zumindest etwas entgegenzuwirken. Schafft das eine Redaktion nicht, dann wird die Kommunikation ziemlich schnell privat und zwar, wenn die Zeitung pleite geht. Doch es gibt ja Einschaltquoten und Verkaufszahlen, also den sogenannten Selbstkontakt durch Fremdkontakt.

Medien

Das Wort in dieser Überschrift steht dort im Luhmannschen Sinne. Gerade durch das große Angebot der `Medien', müssen diese sich Tricks einfallen lassen, damit der Zuhörer oder Zuschauer die Information auch annimmt. Wahrscheinlich ist der soziale Druck entscheidend für die Annahme, da es für den Rezipienten einfach wichtig ist, sich unterhalten zu können und das trotz der hohen Tendenz zur Spezialisierung. Dabei ist es gar nicht so wichtig, ob eine Aussage wahr oder falsch ist, sondern nur, ob alle diese benutzen. Die Annahme wird durch die erwartete Belohnung nahegelegt mitreden zu können. Jeder Satz, jede Mitteilung mit der Aura des öffentlichen stellt somit ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium dar.

Zusätztlich nutzen die `Medien' die Medien, die auch in anderen Kontexten eine erhöhte Aufnahmebereitschaft bewirken. Aussagen von Experten werden nahezu kritiklos angenommen. Jede Nachrichtensendung und jede Diskussionsrunde schmückt sich mit diesen Medien. Experten stehen für den Begriff der Wahrheit, welcher selbst auch ein Medium ist. Wahrheit bedeutet also nicht, daß etwas wirklich `wahr' ist, sondern ist das Zauberwort für die Annahme der Information im Bewußtsein.

Aber selbst wenn der Fernsehzuschauer einmal eine Nachricht anzweifelt, dann wird er sie fast nie nachprüfen können, da sie wahrscheinlich um den halben Globus geschickt wurde. Die meisten Nachrichten entziehen sich dem direkten Erfahrungsfeld, so daß sie einfach geglaubt werden müssen. Die Bild-Zeitung zeigt eindrucksvoll, daß weder die direkte Erfahrung noch der Wahrheitswert von Nachrichten entscheidend ist, sondern einfach nur ihre große Reichweite [MARCINKOWSKI 1993, S.58,].

Sinn

Es ist klar, daß der Sinnhorizont der Massenkommunikation sich aus Verweisungen zwischen öffentlichen Mitteilungen aufbaut, denn gerade das macht ja dieses System aus. Aber diese Einschränkung, mit der das System sich von der Umwelt absetzt, reicht noch nicht aus. Öffentlich kann nicht alles werden und auch nicht zur gleichen Zeit; das System muß sich einschränken, um vor allem Komplexität zu reduzieren. Dies passiert durch durch die Festsetzung von Themen und Beiträgen [LUHMANN 1994, S.213,]. Themen bilden Sinnprovinzen, die durch einzelne Beiträge ausgefüllt werden. Dabei brauchen diese Themen nicht in diesem System entstanden zu sein, sondern sie können auch von außen angeregt worden sein.

Die Entstehung dieser Gebilde wird wohl dadurch gesteuert, wie viele mitreden (Beiträge liefern) können [LUHMANN 1994, S.213,]gif -- bei der Massenkommunkation ein lebenswichtiges Thema. Dieses Kriterium kann aber nicht ausreichend sein, da viele Themen für die Rezipienten kaum Anschlußmöglichkeiten geben, also nahezu sinnlos sind. Man kann aber die Anschlußmöglichkeiten durch diverse Kniffe trotzdem erhöhen. Fremde Themen müssen nur mit dem Erfahrungsbereich (also Sinnhorizont) der Zuschauer verbunden werden. Dies kann durch Kopplung an Rituale passieren oder schlichtweg über den direkten/intimen Erfahrungsbereich. So ist die Tagesschau schon immer ein Ritual gewesen, mit dem der Zuschauer vertraut war und ist (Raumschiff Enterprise ist vielleicht deswegen auch so kommunikabel). Die Technik der Klatschblätter ist es einfach, die privaten Aspekte von Stars als Themen zu setzen und so den Lesern den Einbau der Themen in ihre persönlichen Sinnhorizonte zu erleichtern.

Themen überdauern einzelne Beiträge und strukturieren so die Entwicklung der Kommunikation, die nun immer noch doppelt kontingent ist, aber durch die Themensetzung eingeschränkt wird. Dieses Bild ist natürlich ein Idealfall, da die Annahme des Themas Information erfordert, und die kann auch abgelehnt werden. Wenn also gerade das Thema `Ostern' ist, dann haben immer noch die Redaktionen die Möglichkeit entweder eine Satire oder eine Reportage über Ostereier zu senden. Der Zuschauer kann sich nun des Themas annehmen, um mitreden zu können oder mit der Fernbedienung diesem den Garaus machen.

Die Selbstbeschreibung des Systems soll hier nochmal kurz beleuchtet werden. Gerade das `Medium' Fernsehen hat seit seiner Gründung immer wieder Sendungen über sich selbst produziert. Waren es in den Anfängen eher Ratgeber über die beste Sitzhaltung vor dem Fernseher, so sind es heute die Medienshows. Die Funktion dieser Selbstbeschreibungen ist aber immer die gleiche geblieben: abgrenzen von anderen Systemen. Ein Kommunikationssystem kann sich nur durch Kommunikation von anderen Systemen abgrenzen. Das System Massenkommunikation muß sich immerfort damit beschäftigen, öffentliche Elemente zu produzieren, sonst gibt es das System nicht mehr. Die Selbstbeschreibungen präzisieren oder erweitern die Grenzen des Systems und sie machen es stabiler. Wenn die öffentlich-rechtlichen Anstalten Traditionspflege betreiben, dann aktualisiert sich das System von innen heraus und stabilisiert sich dadurch, daß nun Kommunikation etwas anschlußfähiger geworden ist als vorher. Auch wenn Harald Schmidt sich selbst und das Fernsehen durch den Kakao zieht, dann wird der Sinn dieses Kommunikationssystems wieder aktualisiert, da öffentlich über öffentliches geredet wird. Sein Ziel ist es, den Sinnhorizont der öffentlichen Themen abzuklopfen und neu zu verbinden. Er würde dazu wahrscheinlich Satire sagen.

Input/Output

Auch bei dem System `Massenkommunikation' lassen sich an der Grenze zur Umwelt Input- und Outputbereiche identifizieren. An den Inputgrenzen werden kontinuierlich Themen produziert, die durch Themen in der Außenwelt angeregt worden sind. Dies kann einfach durch ein privates Erlebnis eines Redakteuers passiert sein oder kann durch den Pressesprecher einer Partei ausgelöst worden sein. Das Kommunikationsystem läßt daraus ein öffentliches Thema werden und versucht es eine Zeitlang im Umlauf zu halten. Der Prozeß zum privaten geschieht dabei völlig automatisch. Wenn das Thema keine Beiträge mehr veranlaßt, dann ist es nicht mehr da. Auf der Outputseite stehen nun die öffentlichen Beiträge, die andere Systeme stören. Dies kann man durchaus wörtlich nehmen. Die Beispiele reichen von den Verkehrsnachrichten bis zu Barschel. Interessant ist, daß die gestörten Systeme oftmals im Moment der Störung gerade öffentlich sind, so daß man hier von einem Fall von Interpenetration sprechen kann.

Andere Systeme können sich im Spiegel des Massenkommunikationssystems selbst sehen, können also eine Beobachtung zweiter Ordnung durchführen. Gerade Parteien arbeiten nach diesem Verfahren. Sie schicken Pressemitteilungen heraus und warten ab, was die Presse über sie berichtet. Aber auch eine Theaterbühne produziert ein Stück und wartet dann auf die Kritiken. Diese liefern dann Beobachtungen externer Beobachter (für das Theater in der Umwelt), die dann von einem Beobachter (z.B. dem Intendanten) aus dem System Theater heraus beobachtet werden. Das Theater kann nun anhand der gewonnenen Information eine Kommunikation über das Stück beginnen - angestoßen durch die Umwelt.



Bernd Porr
Tue Jul 15 18:06:51 MET DST 1997